
Programmtexte
1.
Zehn Thesen zur literarischen Moderne (des Vereins Durch!) 1888
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ANONYM (EUGEN WOLFF) ZEHN THESEN
zur literarischen Moderne (des Vereins DURCH!) 1888
Die in Berlin bestehende freie literarische Vereinigung Durch! bittet uns um Abdruck folgender Thesen:
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Die unter dem Namen und Wahlspruch Durch! zusammengetretene freie literarische Vereinigung junger Dichter, Schriftsteller und Literaturfreunde hat keinerlei bindende Satzung; doch lassen sich die in diesem Kreise lebenden literarischen Anschauungen durch folgende Sätze versinnbildlichen, welche zugleich den Charakter aller moderner Dichtung darstellen:
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1. Die deutsche Literatur ist gegenwärtig allen Anzeichen nach an einem Wendepunkt ihrer Entwickelung angelangt, von welchem sich der Blick auf eine eigenartige bedeutsame Epoche eröffnet.
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2. Wie alle Dichtung den Geist des zeitgenössischen Lebens dichterisch verklären soll, so gehört es zu den Aufgaben des Dichters der Gegenwart, die bedeutungsvollen und nach Bedeutung ringenden Gewalten des gegenwärtigen Lebens nach ihren Licht- und Schattenseiten poetisch zu gestalten und der Zukunft prophetisch und bahnbrechend vorzukämpfen. Demnach sind soziale, nationale, religionsphilosophische und literarische Kämpfe spezifische Hauptelemente der gegenwärtigen Dichtung, ohne dass sich dieselbe tendenziös dem Dienste von Parteien und Tagesströmungen hingibt.
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3. Unsere Literatur soll ihrem Gehalte nach eine moderne sein; sie ist geboren aus einer trotz allen Widerstreits täglich mehr an Boden gewinnenden Weltanschauung, [...]. Diese Weltanschauung ist eine humane im reinsten Sinne des Wortes, und sie macht sich geltend zunächst und vor allem in der Neugestaltung der menschlichen Gesellschaft, wie sie unsere Zeit von verschiedenen Seiten anbahnt.
[...]
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9. Als ein wichtiges und unentbehrliches Kampfmittel zur Vorarbeit für eine neue Literaturblüte erscheint die Kunstkritik. [...]
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10. Zu einer Zeit, in welcher, wie gegenwärtig, jeder neuen, von eigenartigem Geiste erfüllten Poesie eine enggeschlossene Phalanx entgegensteht, ist es notwendig, dass alle gleichstrebenden Geister, fern von Cliquen- oder auch nur Schulenbildung, zu gemeinsamem Kampfe zusammentreten.
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Quelle: Deutsche Universitätszeitung, Jg. 1, 1888, Nr. 1
2.
FREIE BÜHNE FÜR MODERNES LEBEN. (1890)
Redaktion: Otto Brahm/Wilhelm Bölsche
ZUM BEGINN (1890)
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Eine freie Bühne für das moderne Leben schlagen wir auf.
Im Mittelpunkt unserer Bestrebungen soll die Kunst stehen; die neue Kunst, die die Wirklichkeit anschaut und das gegenwärtige Dasein.
Einst gab es eine Kunst, die vor dem Tage auswich, die nur im Dämmerschein der Vergangenheit Poesie suchte und mit scheuer Wirklichkeitsflucht zu jenen idealen Fernen strebte, wo in ewiger Jugend blüht, was sich nie und nirgends hat begeben. Die Kunst der Heutigen umfasst mit klammernden Organen alles was lebt, Natur und Gesellschaft; darum knüpfen die engsten und die feinsten Wechselwirkungen moderne Kunst und modernes Leben aneinander, und wer jene ergreifen will, muss streben, auch dieses zu durchdringen in seinen tausend verfließenden Linien, seinen sich kreuzenden und bekämpfenden Daseinstrieben.
Der Bannerspruch der neuen Kunst, mit goldenen Lettern von den führenden Geistern aufgezeichnet, ist das eine Wort: Wahrheit; und Wahrheit, Wahrheit auf jedem Lebenspfade ist es, die auch wir erstreben und fordern. Nicht die objektive Wahrheit, die dem Kämpfenden entgeht, sondern die individuelle Wahrheit, welche aus der innersten Überzeugung frei geschöpft ist und frei ausgesprochen: die Wahrheit des unabhängigen Geistes, der nichts zu beschönigen und nichts zu vertuschen hat. Und der darum nur einen Gegner kennt, seinen Erbfeind und Todfeind: die Lüge in jeglicher Gestalt. [...] Wir schwören auf keine Formel und wollen nicht wagen, was in ewiger Bewegung ist, Leben und Kunst, an starren Zwang der Regel anzuketten. Dem Werdenden gilt unser Streben, und aufmerksamer richtet sich der Blick auf das, was kommen will, als auf jenes ewig Gestrige, das sich vermisst, in Konventionen und Satzungen unendliche Möglichkeiten der Menschheit, einmal für immer, festzuhalten. [...]
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Kein Schlagbaum der Theorie, kein heiliggesprochenes Muster der Vergangenheit hemme die Unendlichkeit der Entwickelung, in welcher das Wesen unseres Geschlechtes ruht. Wo das Neue mit freudigem Zuruf begrüßt wird, muss dem Alten Fehde angesagt werden, mit allen Waffen des Geistes. Nicht das Alte, welches lebt, nicht die großen Führer der Menschheit sind uns die Feinde; aber das tollte Alte, die erstarrte Regel und die abgelebte Kritik, die mit angelernter Buchstabenweisheit dem Werdenden sich entgegenstemmt — sie sind es, denen unser Kampfruf gilt. Die Sache meinen wir, nicht die Personen; aber wo immer der Gegensatz der Anschauungen die Jungen aufruft gegen die Alten, wo wir die Sache nicht treffen können, ohne die Person zu treffen, wollen wir mit freiem Sinn, der ersessenen Autorität nicht untertan, für die Forderungen unserer Generation streiten. [...]
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Die moderne Kunst, wo sie ihre lebensvollsten Triebe ansetzt, hat auf dem Boden des Naturalismus Wurzel geschlagen. Sie hat, einem tiefinneren Zuge dieser Zeit gehorchend, sich auf die Erkenntnis der natürlichen Daseinsmächte gerichtet und zeigt uns mit rücksichtslosem Wahrheitstriebe die Welt wie sie ist. [...] Dem Naturalismus Freund, wollen wir eine gute Strecke Weges mit ihm schreiten, allein es soll uns nicht erstaunen, wenn im Verlauf der Wanderschaft, an einem Punkt, den wir heute noch nicht überschauen, die Straße plötzlich sich biegt und überraschende neue Blicke in Kunst und Leben sich auftun. Denn an keine Formel, auch an die jüngste nicht, ist die unendliche Entwickelung menschlicher Kultur gebunden; und in dieser Zuversicht, im Glauben an das ewig Werdende, haben wir eine freie Bühne aufgeschlagen, für das moderne Leben.
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Quelle: ZUM BEGINN (1890), In: Freie Bühne für modernes Leben, Jg. 1, 1890, H. 1, 5.1–2
3.
Gründungsaufruf Freie Volksbühne 1890
Aufruf zur Gründung einer Freien Volks-Bühne:
Das Theater soll eine Quelle hohen Kunstgenusses, sittlicher Erhebung und kräftiger Anregung zum Nachdenken über die großen Zeitfragen sein.
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Es ist aber größtenteils erniedrigt auf den Standpunkt der faden Salongeisterei und Unterhaltungsliteratur, des Kolportageromans, des Zirkus, des Witzblättchens. Die Bühne ist eben dem Kapitalismus unterworfen, und der Geschmack der Masse ist in allen Gesellschaftsklassen vorwiegend durch gewisse wirtschaftliche Zustände korrumpiert worden.
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Indessen hat sich unter dem Einflusse redlich strebender Dichter, Journalisten und Redner ein Teil unseres Volkes von dieser Korruption befreit. Haben doch Dichter wie Tolstoi und Dostojewski, Zola, Ibsen und Kielland, sowie mehrere deutsche »Realisten« in dem arbeitenden Volke Berlins einen Resonanzboden gefunden
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Für diesen zu gutem Geschmack bekehrten Teil des Volkes ist es ein Bedürfnis, Theaterstücke seiner Wahl nicht bloß zu lesen, sondern auch aufgeführt zu sehen. Öffentliche Aufführungen von Stücken, in denen ein revolutionärer Geist lebt, scheitern aber gewöhnlich am Kapitalismus, dem sie sich nicht als Kassenfüller erweisen, oder an der polizeilichen Zensur.
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Diese Hindernisse bestehen nicht für eine geschlossene Gesellschaft. So ist es dem Verein Freie Bühne gelungen, Dramen der angedeuteten Richtung zur Aufführung zu bringen. Da nun aber die Mitgliedschaft der Freien Bühne aus wirtschaftlichen Gründen dem Proletariat versagt ist, so scheint die Begründung einer Freien Volks-Bühne wohl angebracht zu sein.
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Diese Freie Volks-Bühne denkt sich der Unterzeichnete etwa folgendermaßen: Der Verein besteht aus einer leitenden Gruppe und aus seinen Mitgliedern. Die Leiter wählen die aufzuführenden Stücke sowie die Darsteller aus. Die Mitglieder erwerben durch einen Vierteljahresbeitrag den entsprechenden Theaterplatz für drei Vorstellungen. Jeden Monat, und zwar sonntags, findet eine Vorstellung statt. Die Beiträge bezwecken nur, die Theatermiete und die Honorare für die Schauspieler zu decken. Sie werden so niedrig wie möglich bemessen; hoffentlich sind die billigen Plätze für 1,50 M. vierteljährlich (also für drei Vorstellungen!) zu erwerben.
[...]
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Quelle: Berliner Volksblatt, 23. März 1890 (Organ der hauptstädtischen Sozialdemokraten)
4.
Friedrichshagener Manifest 1891
Richtlinien (Manifest) der Vereinigung Unabhängiger Sozialisten
Wir oppositionell gesinnten Sozialisten wollen das ganze Proletariat zu einer Schlachtreihe gegenüber der Bourgeoisie vereinigen; jedoch bekämpfen wir jede erzwungene Zentralisation, welche die freie, eigene Bewegung bestimmter Arbeiterschichten lähmt.
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[...] In unserer Zeit, wo der Arbeiter Tag aus Tag ein von einer Kaserne in die andere wandert – von der Mietskaserne in die Arbeitskaserne –, erhält sein ganzes Leben einen einseitigen kasernenmäßigen Zuschnitt, der seine Individualität mehr und mehr verkümmert. Er trocknet gleichsam aus und verliert die Fähigkeit, neuen Eindrücken kritisch gegenüber zu treten.
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Der Individualisierung der Arbeiter legen wir oppositionellen Sozialisten einen großen Wert bei. Wir wollen den Horizont des Arbeiters durch rege Diskussion über alle öffentlichen Fragen stetig erweitern. Wir wollen ihm nicht sofort diese oder jene allein selig machende Überzeugung aufzwingen, sondern ihn vor allem anregen, aus Diskussionen heraus sich eine eigene Meinung zu bilden. Die Klärung der proletarischen und sozialistischen Ideen liegt uns am Herzen.
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Wir sind für einen vollkommen freien Austausch der Meinungen. Und da wir dasselbe in der bisherigen Parteiorganisation nicht mehr finden, da der Ausschluss aus der Partei dräuend über jedem selbstdenkenden Sozialisten schwebt – ganz gleich welcher Richtung er auch angehöre-, deshalb wirken wir außerhalb des engen Rahmens der Parteiorganisation.
[...]
Quelle: Rudolf Rocker, Memoiren Bd.1., Die Jugend eines Rebellen, S. 364f.
5.
DER SOZIALIST. ORGAN DER UNABHÄNGIGEN SOZIALISTEN. (1891)
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Unser Zweck
Wir verwerfen alle Kompromisse mit den herrschenden Klassen und jedes Entgegenkommen seitens der Arbeiter. Unterhandlungen mit der Bourgeoisie entsprechen einer proletarisch-revolutionären Bewegung nicht. Darum bleiben wir Gegner der gesetzlich-parlamentarischen Tätigkeit; die Erfahrung hat gelehrt, dass dieselbe unabwendbar zur Korruption und zum Possibilismus führt.
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Quelle: Der Sozialist, Heft 1, 1.Jg. November 1891.
6.
DER SOZIALIST. ORGAN FÜR SOZIALISMUS-ANARCHISMUS. (1895)
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Gustav Landauer: Anarchismus–Sozialismus
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Organ für Anarchismus-Sozialismus, so steht es an der Spitze unseres Blattes. Der Anarchismus ist vorangestellt als das Ziel, das erreicht werden soll: die Herrschaftslosigkeit, die Staatslosigkeit, das freie Ausleben der einzelnen Individuen. [...]
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An Stelle des heutigen Staates und an Stelle des Weltstaates und der Weltherrschaft, wie sie die Sozialdemokratie erträumt, wollen wir Anarchisten ein freies Gefüge der mannigfachsten, einander durchdringenden, in tausend Farben spielenden Interessenvereinigungen und Gruppen setzen. Bei diesen freien Gruppen wird das Wort gelten, dass ich selbst mir der nächste bin, und das Hemd mir näher ist als der Rock. Um unsre Angelegenheit vernünftig und gerecht zu ordnen, werden wir nur selten die ganze Menschheit bemühen müssen, wir bedürfen keines Menschenparlaments und keiner Weltbehörde. [...]
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Gemeinsame Interessen einer Nation? Es wird solche geben; sie eint die Sprache, die Literatur, auch die nationale Kunst hat ihre Besonderheiten, ebenso wie es uralt überlieferte Volkssitten und Gebräuche gibt. Aber da es keine Herrschaft mehr gibt, gibt es auch keine annektierten Provinzen und keinen »nationalen Boden« mehr, der zu verteidigen oder — zu vergrößern ist. Es gibt auch keine »nationale Arbeit« mehr, denn die Arbeit wird sich nach ganz ändern Prinzipien gruppieren als nach denen der Sprache und der Ethnographie. Die geographische und auch die geologische Lage, das Klima, die Bodenbeschaffenheit werden eine gewichtige Rolle spielen bei den Gruppen der Arbeit; aber was haben unsere Nationalstaaten viel mit der Geographie zu tun? Die Unterschiede der Sprache dagegen werden die Organisation nur in ganz unbedeutendem Maße berühren.
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Über die Fragen, die sich hinsichtlich der Organisation der Arbeit erheben, gibt es im gemeinsamen Lager des Anarchismus verschiedene Richtungen. Die einen, die Anhänger des freien Genussrechtes, sind der Meinung, jeder produziere nach seinen Kräften und konsumiere nach seinen Bedürfnissen, wobei ihm natürlich über die Kräfte, die er anzuwenden willens ist, ebenso wie über seine Bedürfnisse, allein die Entscheidung zusteht. [...]
Die Anarchisten, die nichts vom freien Genüsse wissen wollen, die vielmehr zwischen der Arbeit des einzelnen und dem Genüsse dieses einzelnen ein gewisses Verhältnis hergestellt wissen wollen, sind bestrebt, die Organisation der Arbeit auf den Boden des natürlichen Egoismus zu stellen. Wer arbeitet, arbeitet für sich, d. h. wer sich einer bestimmten Produktionsgruppe anschließt, verspricht sich davon bestimmte Vorteile. Arbeitet er länger als der Durchschnitt der übrigen, so tut er es, weil er mehr Bedürfnisse befriedigen will: unterzieht er sich den schwierigen und schmierigen Arbeiten, die es auch in aller Zukunft noch geben wird, wenn auch natürlich nicht in der grauenvollen Art wie heute, so deshalb, weil diese Arbeit — im Gegensatz zu heute, wo sie nur von den Elendesten ausgeübt wird und darum am schlechtesten bezahlt ist – einen besonders hohen Wert hat und sich am reichlichsten lohnt. [...]
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Die praktische Erfahrung wird bald ohne jeden Zweifel feststellen, welche Form die einfachste und die gerechteste ist. Das Ziel [...] ist ja dasselbe: die Freiheit des Einzelmenschen auf dem Grunde der wirtschaftlichen Solidarität. Allzu sehr und allzu hitzig wollen wir uns nicht über dieses Zukunftsdetail ereifern; wir wollen durch gemeinsame Anstrengung aus all unserer Kraft vielmehr dafür sorgen, dass wir bald in Freiheit Erfahrungen gewinnen können!
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Die Anarchie ist kein fertiges und totes Gedankensystem; die Anarchie ist das Leben der Menschen, die dem Joche entronnen sind.
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Quelle: Der Sozialist, 9. Jg. Berlin, August 1895
7.
DER ARME TEUFEL. (1902) Redaktion/Herausgeber: Albert Weidner
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Des armen Teufels Woher und Wohin
Ein offener Briefwechsel zwischen Felix Hollaender und dem Herausgeber
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An Blättern ist kein Mangel; es soll sogar gute darunter geben. Jedenfalls findet so ziemlich jeder, der sich zu einer langweiligen Viertelstunde auf seine soziale, politische oder literarische »Tendenz« besinnt, an der nächsten Straßenecke – oder doch, wenn sein Fall ein schwieriger ist, in Postzeitungsliste sein Leiborgan. Wer’s bisher nicht fand, dem sei der arme Teufel empfohlen. Vielleicht finden sich beide als Gleichgesinnte. [...]
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Lieber Felix Hollaender,
wie wär’s, wenn der arme Teufel da einsetzte, wo Deines Thomas Truck (1) Lehr- und Wanderjahre ausgehen! Wenn wir der Freiheit die Nachtmütze abnähmen, die ihr von denen, welche ihren Namen am meisten herbeten, übers wilde Haar gezogen ward! Im Namen Robert Reitzels (2) ist Der arme Teufel gegründet, das heißt ihn zu einem Kämpfer weihen, der in unverdrossener Fehde gegen Knechtschaft und Philisterthum seine Klinge leichten Handgelenks nach rechts und links zu führen weiß. Es tut wieder einmal not: über dem Sumpf, in den das deutsche Geistesleben geriet nach der letzten sozialrevolutionären Epoche unserer Literatur, deren Glanzzeit ebenso wie das letzte Fiasko des revolutionären Sozialismus, die famose Farce des ersten Arbeiter-Maifeiertages, mehr als zehn Jahre zurückliegt, macht sich hie und da ein frisches Lüftchen bemerkbar. Versuchen wir – und alle, so Herz und Mund auf dem rechten Fleck haben, sind geladen – es tüchtig anzublasen. In diesem Sinne sei’s gewagt!
Dein A.W.
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(1) Der Roman Der Weg des Thomas Truck erschien erstmals 1902.
(2) Robert Reitzel war von 1884 bis 1898 Herausgeber.
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Quelle. Der arme Teufel. Friedrichshagen und Berlin, H.1, Jg. I (1902) S. 1–2
8.
DER ARME KONRAD (1896) Redaktion: Albert Weidner
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WAS WILL DER ARME KONRAD?
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Der arme Konrad will eine für Jeden verständliche Sprache reden, er will seine Schicksals- und Leidensgenossen dort aufsuchen, wo sie zu Hause sind, in den Mühsalen ihres Kampfes ums Dasein; er will von Herzen kommend, zu Herzen gehend, zu ihnen sprechen.
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Den in der langen, schier endlosen Nacht des Elends sich dahinschleppenden Brüdern will er den nahenden Tag ihrer Befreiung ankündigen.
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Den nach einem Ausweg aus dem Sumpf der gesellschaftlichen Verkommenheit sich Umschauenden will er eine Fackel sein, ihnen den Weg zu weisen und ihre Herzen zu entzünden zum freien Aufstreben, entgegen dem Lichte der Freiheit.
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Die Lüge, den Zwang, die Ausbeutung will er mit unversöhnlicher Festigkeit bekämpfen.
Die Heuchelei, den Betrug, die hohle Eitelkeit, das gewissenlose Strebertum will er entlarven und mit unbarmherzigem Hohn geißeln.
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Die Dummheit, das Vorurteil und den Fanatismus will er ausrotten.
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Die Unselbständigkeit, den Herdensinn will er austreiben.
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In denjenigen, die nur Menschen heißen, will er den Menschen wecken.
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Und wenn Der arme Konrad nur in bescheidener Größe und mit leeren Taschen auf dem Kampfplatz erscheint, so bringt er doch etwas mit, was ungleich schwerer wiegt und ihm die unerschütterliche Zuversicht eines fruchtbaren Wirkens gibt: ein begeistertes Herz und einen festen Willen!
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An Euch, Ihr Arbeiter, die Ihr das, was Der arme Konrad anstrebt, versteht und billigt, ist es nun, ihn zu verbreiten und ihm durch Abonnement und auch gelegentliche Beisteuer die Möglichkeit zu geben, das Ziel zu erreichen, dem er zustrebt: Die Freiheit und das Glück aller Menschen!
Quelle: Leitartikel der 1. Nummer der Zeitschrift DER ARME KONRAD, 1896.
9.
Die Neue Gemeinschaft
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Seit Jahrhunderten ist die neue Weltanschauung im Werden. Aber sie war bislang nur ein Gegenstand des Willens und der Spekulation. Noch hat sie nicht Wurzeln gefasst in den Tiefen des Empfindens, noch sich nicht umgesetzt in Leben und Tat. Und noch hat sie nicht jene großen Erregungen ausströmen können, die aus der innigen Verbindung Gleichstrebender hervorgehen, noch ist dem reichen Inhalt die letzte Ausgestaltung versagt geblieben.
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Was bislang Werden war, will unsere Gemeinschaft zur Reife bringen, was Sehnsucht war, will sie erfüllen, das Hoffen zu Gewissheit, das Wissen zu Leben, das Wollen zur Tat erhöhen. In inniger Verschmelzung von Religion, Kunst, Wissen und Leben sucht die Neue Gemeinschaft das Menschen- und Menschheitsideal, die Vollendung des einzelnen und der Gesamtheit zu verwirklichen. [...]
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Unsere Gemeinschaft stellt sich das Ziel, die Erkenntnis von der ewigen Wandlung und Entwicklung der Dinge, von der Nichtigkeit der Gegensätze, von der Einheit zwischen Welt und Ich, die Offenbarung vom Welt-Ich und von der Selbstherrlichkeit des Menschen als die verheißungsvollste Erlösungslehre immer überzeugender nachzuweisen und ihre Freunde mit dem Vollgefühl der Freiheit und Freude, der Kraft und Unüberwindlichkeit, mit der inbrünstigen Lust ständigen Schaffens, Sicherhöhens und Sichveredelns immer mächtiger zu erfüllen. Unser Ziel ist die Heranbildung freudig tätiger Menschen, die bestrebt sind, immerzu das Ideal an sich und um sich zu verwirklichen, selig schon hier und überall und zu jeder Zeit. [...]
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Die Welt des Konservatismus ist die Welt der Todesreifen. Alle großen religiösen Geister haben auf jenen Einwand immer die einzig richtige Antwort gegeben, dass wir allerdings einen neuen Menschen anziehen müssen, dass nur ein neuer Mensch die neue Erde schaffen kann. Mit anderen Worten heißt das freilich nur, dass wir neu und anders sind, wenn wir neu und anders geworden sind. [...]
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Die Neue Gemeinschaft sucht durch Wort und Schrift, in Versammlungen, in Zeitschriften, in Schöpfungen der Kunst und Literatur die neuen Erkenntnisse zu verbreiten, zu erläutern, zu vertiefen, die neuen Ideale zu verkünden und zu ihrer Verwirklichung anzuregen. Durch gegenseitige persönliche Einwirkung sucht sie die Begeisterung und das Entwicklungsstreben regen zu halten, durch Weihefete, – deren jedes ein organisches, Kunst, Wissen, Religion verbindendes Ganze bilden soll: große, taterzeugende Stimmungen zu erwecken.
Die Neue Gemeinschaft bildet den Orden vom wahren Leben, der bestrebt ist, im Einzelnen wie im Gesamten ein vorbildliches Leben zu führen, nach allen Seiten hin das höchste Kulturideal in Tat umzusetzen, die unbedingte Freiheit des Individuums mit den Anforderungen der Gesamtheit harmonisch zu vereinigen.
Die Neue Gemeinschaft ist ein Menschenbund, der über alle Trennungen von Stand, Volk, Rasse hinaus die idealstrebenden Glieder der Menschheit einander nahebringen und überall in der Menschheit Kristallisations-Zentren bilden will, um in immer weiterem Kreise, mit immer stärkerer Kraft alles Verwandte an sich zu ziehen. [...]
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Heinrich Hart, Julius Hart
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Quelle: Neue Gemeinschaft 1900–1902. Die Zeitschrift der ersten Berliner Landkommune, Band 1, ein Reprint, edition friedrichshagen 12
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10.
Gartenstadt-Gesellschaft: Vermählung zwischen Land und Stadt!
Heinrich Hart: Vorwort zu Flugschrift N° 2 (1903)
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[...] Ist es eine unbedingte Notwendigkeit, dass immer wieder die Völker sich in Großstädten, in Steinwüsten zusammendrängen, sich absperren von der stählenden Luft, dem belebenden Licht des freien Landes, um in wenigen Generationen die vererbte Kraft bis zur Neige zu erschöpfen? Eine unbedingte Notwendigkeit, dass auf der anderen Seite Millionen so gut wie ausgeschlossen bleiben von der erhöhten und verfeinerten Kultur, die das Miteinanderleben und Miteinanderringen in den Städten ermöglicht?
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Dereinst war die Großstadt mit ihren gewaltigen Mauern der einzige Schutz vor feindlichen Überfällen. Diesen Zweck erfüllt sie heute nicht mehr, sie hat unter den jetzigen Verhältnissen überhaupt keinen Zweck mehr, der sich nicht auf andere und beglückendere Weise ebenso sicher erreichen ließe. Wäre es so undenkbar heute, eine ganze Provinz mit Hilfe intensiver Bodenkultur in einen einzigen Garten zu verwandeln, und dass doch zugleich die Provinz dank unserer technischen Verkehrsmöglichkeiten wie eine einzige Stadt erschiene? Alle jene Fragen, mit denen wir uns heute hoffnungslos plagen, die agrarische Frage, die vor allem durch den Abfluss der ländlichen Bevölkerung in die Stadt so verzweifelt erscheint, die soziale Frage in ihrer zwiefachen Gestalt als Ernährungs- und Wohnungsfrage, die hygienische Frage, die allein schon durch die Tatsache der ständig wachsenden Nervenzerrüttung so bedrohlich wirkt – sie alle würden wie von selbst ihre Lösung finden, wenn die Lösung eine allgemeine würde: Das Land in die Stadt, die Stadt aufs Land! Vermählung zwischen Land und Stadt!
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Aber selbst dann, wenn man die Vorstellung, ein ganzes Land in einen einzigen großen Garten zu verwandeln, als ein Zukunftsmärchen betrachten will, was liegt Utopisches darin, zunächst einmal einen kleinen Versuch zu machen, auf engbegrenztem Gebiet eine Gartenstadt als Musteranlage zu begründen? Einige Großindustrielle, die ihre Fabriken aufs Land verlegen, einige Bauern und Gärtner, die Lust haben, auf neuem Boden ihr Glück zu versuchen, einige Handwerker, die der voraussichtliche Verdienst lockt, einige Künstler und Gelehrte, die auf dem Terrain sich ihre Villen errichten – und der Anfang ist gemacht. [...] Vielleicht können wir der geplanten Musterstadt eine besondere Anziehungskraft dadurch verleihen, dass wir sie zum Mittelpunkt nationaler Festspiele machen, zu einem deutschen Olympia. Ihr weiteres Gedeihen aber würde jedenfalls dadurch gesichert sein, dass wir Grund und Boden von vornherein als Gemeineigentum der Gesamtgemeinde proklamieren. Privatbesitz würde dann nur in Form von Erbpacht möglich sein und jeder Gewinnzuwachs aus der steigenden Bodenrente allen Bewohnern gleichmäßig zugutekommen.
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Ist das Ziel, das wir hier aufstellen, ein erstrebenswertes, so kann und so muss es erreicht werden. Die Schwierigkeiten, die sich aus eingewurzelten Vorurteilen und aus der Ängstlichkeit allen durchgreifenden Neuen gegenüber ergeben, verkennen wir nicht, sie werden es uns sauer machen, die ersten Mittel zu beschaffen und die ersten Förderer zu finden. Aber unüberwindlich erscheinen sie für ein festes, unermüdliches Wollen nicht. Und diejenigen, die mit uns tatkräftig helfen, das Wollen zur Tat zu machen, dürfen gewiss sein, an einem Kulturwerk höchster Art mitzuarbeiten. Also Helfer herbei!
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Quelle: Gartenstadt-Bewegung. Flugschriften, Essays, Vorträge und Zeichnungen. Aus dem Umkreis der Deutschen Gartenstadt-Gesellschaft, herausgegeben von Tobias Roth, Verlag Das Kulturelle Gedächtnis, Berlin 2019, S. 8–10
