
Wirkungsfelder der Friedrichshagener

Die Wirkungsfelder durchdringen einander. Protagonisten waren in verschiedenen Bereichen zu verschiedenen Zeiten aktiv, dabei durchaus nicht konform miteinander. Allen gemeinsam ist dabei ein sozial-emanzipatorisches kapitalismuskritisches Bemühen, das in den 1890er-Jahren bohèmehaft überlagert war.
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Literatur
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Hervorgegangen aus den naturalistischen Berliner Zirkeln der 1880er-Jahre Verein Durch 1886–1889, Ethischer Klub, Genie-Konvent 1888) unter der Selbstbezeichnung Das jüngste Deutschland mit dem Ziel, die aktuellen Zeitprobleme, das Hässliche der Industrialisierung und ihrer Folgen (die »Großstadt«) exakt zu beobachten und darzustellen, gegen die »Salonkultur«. Die Darstellung differenzierte sich nach Ende des Sozialistengesetzes, die Subjektivität nahm zu, hin zur Neoromantik und Naturmystik; Johannes Schlaf/Arno Holz; Brüder Hart (1882 Kritische Waffengänge), Gerhart Hauptmann, Bölsche und Wille; Romane, Novellen, Gedichte; Theaterstücke, Essays; die Redaktion der Zeitschrift Freie Bühne für modernes Leben (Otto Brahm 1890) zunächst als Organ des Naturalismus, nach Inhaltsumstellung zu populären Inhalten 1892–1893 als Freie Bühne für den Entwicklungskampf der Zeit wichtigste kulturpolitische Zeitschrift Deutschlands; unter Wilhelm Bölsches Leitung in Friedrichshagen (1890–1893) das eigentliche Zentrum des »Friedrichshagener Dichterkreises« in der heutigen Peter-Hille-Straße; zeitweilige skandinavische Mitstreiter (Ola Hansson, Laura Marholm, August Strindberg in der Friedrichshagener Lindenallee; Arne Garborg in Erkner) mit Dependance im Schwarzen Ferkel (Neue Wilhelmstraße in Berlin-Mitte; Stanislaw Przybyszewski, Dagny Juel u.v.a.); auch Kontakte zu bildenden Künstlern als Illustratoren (Fidus) und darüber hinaus (Walter Leistikow)
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Theater
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Um der Zensur zu entgehen – neue Stücke musste vor Aufführung zur Prüfung vorgelegt werden – kam es zur Gründung von Theatervereinen mit dem Ziel, die teils eigenen offiziell verbotenen sozialkritischen, aber auch ausgesuchte klassische Werke in Form geschlossener Vereinsveranstaltungen auf angemieteten Bühnen oder in Sälen für Mitglieder anzubieten. Einstieg mit der Freien Bühne (Brahms 1889–1904), es folgte die Freie Volksbühne (Wille 1890), um auch Interessenten aus sozial schwächeren Bevölkerungsschichten (teils im Losverfahren, um billigen und gerechten Zugang zu ermöglichen, aber auch die Auslastung der Vorstellungen und die Bezahlung der Schauspieler zu garantieren) die Möglichkeit des Besuchs einer Vorstellung zu bieten. Nach politischen und persönlichen Querelen mit SPD-Politiker Franz Mehring kam es zur Gründung der Neuen Freien Volksbühne (Wille, Landauer u.a. 1892); 1916 wiedervereint und erstmals mit eigenem Gebäude bis heute am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin-Mitte
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Bildung
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Zugang zu universitärer klassischer Spezial- und Allgemeinbildung durch Vorträge und Kurse an verschiedenen angemieteten Orten. Über berufsständische und politische Belehrung hinaus sollte die Emanzipation sozial schwächerer Bevölkerungsschichten ermöglicht werden (Volkserziehung) durch Arbeiterbildungsvereine, Freie Hochschule 1901 (Bölsche, Wille; Rudolf Steiner), Volkshochschule; Wilhelm Bölsche fungierte als Begründer der Populärwissenschaft (Das Liebesleben in der Natur, zahlreiche Kosmos-Bände), Ziel: verbinden unterschiedlicher Disziplinen für einen Gesamtüberblick historischer und aktueller Erkenntnisse auf naturwissenschaftlicher (monistischer) Grundlage im Sinne Ernst Haeckels (Deutscher Monistenbund 1906: volle Einordnung des Menschen in die Natur, »alles eins«)
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Lebensreform
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Projekt einer Lebensgemeinschaft Neue Gemeinschaft 1900–1903 (Uhlandstraße, Schlachtensee) mit dem Ziel der Schaffung eines »neuen Menschen« mittels gemeinschaftlicher Arbeit und kulturell-religiöser Erhöhung (Selbsterziehung) (Brüder Hart; Bölsche, Wille, Landauer, Mühsam, Lasker-Schüler u.v.a.), gleichnamige Zeitschrift 1900–1902; außerdem wirken die Friedrichshagener maßgeblich an der Gründung der Gartenstadtbewegung in Deutschland als großstadtferne, selbstversorgende naturnahe Lebensalternative (Bernhard Kampffmeyer, Heinrich Hart u.a.); Obstgartenkolonie Eden (Oranienburg); Konsumgenossenschaft (Landauer); Sozialistischer Bund als Kibbuzvorläufer (Landauer u.a.)
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Sozialismus
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Nach 1890 (Aufhebung des Sozialistengesetzes) Tätigkeit im Rahmen der Sozialdemokratie (Georg Ledebour, Paul Kampffmeyer), aber zumeist in Opposition zur Parteilinie erst innerparteilich Die Jungen (Wille u.a.), dann extern Verein unabhängiger Sozialisten (Hermann Teistler, Landauer u.a., 1891–1894) mit der Zeitung Der Sozialist, die sich später zum Organ des Sozialismus-Anarchismus entwickelte und von Landauer um den (individualanarchistischen) Sozialistischen Bund (s.o.) ergänzt wurde; kurzlebige Zeitungsprojekte wie Der arme Teufel u.a. (Landauer, Albert Weidner, Wilhelm Spohr, Erich Mühsam); teils intensive Überwachung und Repression durch die Politische Polizei Preußens
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Freidenkertum
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Bruno Wille als hauptamtlicher Sprecher und Lehrer der Freireligiösen Gemeinde Berlins (1889–1894); im Vorstand mehrerer freidenkerischer Vereinigungen und Herausgeber einschlägiger Zeitschriften bis 1920; 1895 und 1897 wegen seiner Unterrichtstätigkeit verhaftet (verarbeitet in der Satire Das Gefängnis zum preußischen Adler); mit Bölsche und Steiner Giordano-Bruno-Bund (1900); Deutscher Monistenbund 1906; s.o.); Hauptwerk: Philosophie der Befreiung durch das reine Mittel 1894 (nach Nietzsche und Max Stirner), später populärphilosophische pantheistische Naturmystik










